HER-Story Uckermark

Leise und oft im Verborgenen haben über Jahrtausende Frauen die Uckermark geprägt. Ihre Geschichten sind nicht immer aufgeschrieben, doch ihre Spuren sind geblieben.
Diese Seite lädt dazu ein, diese Frauen zu entdecken, die Orte zu finden und zu besuchen, die von ihrem Leben, ihrer Arbeit und ihrer Stärke erzählen. Von der namenlosen Mutter aus frühester Zeit bis zu Angela Merkel, es waren auch immer Frauen, die die Region bis heute gestalteten und gestalten.

Folgen Sie diesen Spuren – und entdecken Sie die weibliche Uckermark

In unregelmäßigen Abständen werde ich hier uckermärkische Frauen-Geschichte vorstellen und wenn Sie eine Uckermärkerinnen kennen, deren Geschichte vorgestellt werden sollte, dann lassen Sie es mich bitte wissen.

Inhaltsverzeichnis
Herstory : Die Frau von Neu-Kleinow : Ein 4000 Jahre altes Frauenleben

Herstory : Friederike Luise von Hessen-Darmstadt – Zwischen historischer Realität und überlieferter Abwertung

HER-Story: Die Frau von Neu-Kleinow : Ein 4000 Jahre altes Frauenleben

Vor etwa 4000 Jahren lebte in der Uckermark eine junge Frau, deren Spuren sich bis heute erhalten haben. In Neu-Kleinow wurde sie gemeinsam mit drei Kindern bestattet. Ob sie miteinander verwandt waren, bleibt ungewiss. Entdeckt wurde das Grab im Jahr 1999 beim Bau der Autobahn A20. Beigaben gab es keine, aber ihr Körper erzählt von einem schweren Leben: Obwohl sie nur etwa 25 bis 30 Jahre alt wurde, waren ihr Rücken und ihre Hüften bereits stark geschädigt. Vieles deutet darauf hin, dass sie Stunde um Stunde kniend vor einem Mahlstein hockte, um Getreide zu mahlen. Über Jahrtausende hinweg war das Mahlen von Getreide Frauenarbeit.

Schon in der Antike wird in der Odyssee von der harten Frauenarbeit des Mahlens von Getreide berichtet:

Plötzlich hört’ er [Odysseus] ein mahlendes Weib, das glückliche Worte redete, nahe bei ihm, wo die Mühlen des Königes standen. Täglich waren allhier zwölf Müllerinnen beschäftigt, Weizen- und Gerstenmehl, das Mark der Männer, zu mahlen. Aber die übrigen schliefen, nachdem sie den Weizen zermalmet; sie nur feirte noch nicht, denn sie war von allen die schwächste. Stehn ließ sie die Mühl und sprach die prophetischen Worte: Vater Zeus, der Götter und sterblichen Menschen Beherrscher, wahrlich, du donnertest laut vom Sternenhimmel, und nirgends ist ein Gewölk; du sendest gewiß jemandem ein Zeichen. Ach, so gewähr auch jetzo mir armen Weibe die Bitte: Laß die stolzen Freier zum letzenmal heute, zum letzten, ihren üppigen Schmaus in Odysseus’ Hause genießen, welche mir alle Kraft durch die seelenkränkende Arbeit, Mehl zu bereiten, geraubt! (Homer, Odyssee: http://www.zeno.org/Literatur/M/Homer/Epen/Odyssee/20.+Gesang (11.04.26)

So steht die Frau von Neu-Kleinow für viele, deren Namen wir nicht kennen, deren Arbeit aber unverzichtbar war, um die Familien zu ernähren.

Im Mahlsteinmuseum in Neu-Kleinow lassen sich die einfachen, aber kraftzehrenden Mahlgeräte aus der Vorzeit bis heute betrachten. Ein Buch zum Museum erzählt die Geschichte dieser Geräte.

Adresse: Mahlsteinmuseum Neu-Kleinow, Uckerfelde – Koordinaten: 53°15’24.9″N 14°00’42.7″E

Literatur: Becker, Eva: Das Mahlsteinmuseum Neu-Kleinow : Von Reibplatten, Handmühlen und Hünenhacken, Norderstedt: Books on Demand 2020. Das Buch kann in jeder Buchhandlung für 19,90 € bestellt werden.

Museumstour: Prenzlau – Baumgarten – Grünow – Dreesch (Abstecher Drense) – Neu Kleinow – Gramzow – Blankenburg – Seehausen – Seelübbe – Prenzlau

HER-Story: Friederike Luise von Hessen-Darmstadt – Zwischen historischer Realität und überlieferter Abwertung

Friederike Luise von Hessen-Darmstadt wurde 1751 in Prenzlau in der Burgfreiheit geboren und stieg durch ihre Heirat mit Friedrich Wilhelm II. zur Königin von Preußen auf. Ihre Lebensgeschichte ist jedoch weniger durch politische Gestaltung als durch persönliche Zurücksetzung und eine bis heute nachwirkende negative Darstellung geprägt.
Die Ehe mit Friedrich Wilhelm II. war von Beginn an belastet. Der König unterhielt zahlreiche außereheliche Beziehungen und bevorzugte offen seine Mätressen; zudem ging er zweimal morganatische Ehen ein. Friederike Luise wurde dadurch nicht nur emotional verletzt, sondern auch öffentlich marginalisiert. Statt als eigenständige Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, reduzierte man sie auf ihr Äußeres.
So heißt es etwa bei Wikipedia, die Ehe zwischen der „unattraktiven“ Friederike und dem „sinnenfrohen“ Prinzen sei nicht glücklich verlaufen.
Besonders problematisch ist, dass diese einseitige Darstellung nicht auf ihre Zeit beschränkt blieb. Körperliche Gebrechen, die bei Männern kaum negativ bewertet worden wären, prägen bis heute das Bild einer Frau, deren Rolle darauf reduziert war, den Fortbestand des Hauses Hohenzollern zu sichern.
Dass es sich bei den beschriebenen „Schwächen“ vermutlich um Krankheiten handelte – etwa Gicht oder andere Leiden –, mag dem medizinischen Verständnis des 18. Jahrhunderts geschuldet sein. Im 21. Jahrhundert jedoch ist eine unreflektierte Übernahme solcher Beschreibungen nicht mehr entschuldbar.
Zeitgenössische Urteile werden dabei bis heute nahezu wörtlich reproduziert:
Sie sah Gespenster und Geister, schlief bei Tage, wachte bei Nacht, hatte immer zu große Hitze, so dass sie nachts Sommer und Winter im Hemde am offenen Fenster saß; wurde vor der Zeit hässlich und krumm, so dass sie sich, erst einige vierzig Jahre alt, schon den Kopf mit der Hand in die Höhe halten musste, wenn sie jemanden ansehen wollte. Kurz, sie war ein unangenehmes Frauenzimmer, von niemand geliebt.“
Wie so oft in der Geschichte werden hier narrative Muster sichtbar, die Frauen verkürzt und abwertend darstellen. Es fehlt nicht selten an grundlegender historischer Quellenkritik: Bewertungen werden übernommen, ohne ihren Entstehungskontext zu reflektieren.
So bleibt ein einseitiges Bild bestehen, das weniger über die historische Person aussagt als über die langen Schatten einer männerdominierten Geschichtsschreibung.
Die Abwertung Friederike Luises zeigt, wie wirkmächtig diese Deutungsmuster bis heute sind und wie notwendig es ist, sie kritisch zu hinterfragen.

Anmerkungen
Das als Burgfreiheit benannte Haus befand sich auf der südlichen Straßenseite des heutigen Marktberges und wurde am Ende des 2. Weltkrieges zerstört

Internet
Preussenchronik des RBB
Wikipedia

Museum
Im Dominikanerkloster von Prenzlau befindet sich ein Ausstellungsraum im oberen Geschoss, der Friederike Luise gewidmet ist

Literatur
Genschow, Cecilia, Karl Friedrich Hinkelmann: Königin Friederike Luise von Preußen (1751-1805) – Ein Leben zwischen Zurücksetzung und Selbstbehauptung, Prenzlau: Dominikanerkloster 2010. Das Buch kann im Kloster für 5 Euro erworben werden

Anreise
Mit der Bahn, dem Auto, dem Fahrrad, per pedes
Koordinaten 53.30996251004153, 13.861220700496581